On the job

Firmen, investiert in Euer Humankapital!

«Als Humankapital bezeichnet man die Arbeitnehmer einer Organisation. Der Begriff beruht auf der Vorstellung, dass die Fähigkeiten und Erfahrungen der Mitarbeiter für das Unternehmen Geld wert sind und entsprechend als Vermögensgegenstand in die Gesamtrechnung eingehen sollten.» Diese Definition aus dem Onpulson-Wirtschaftslexikon ist so selbstverständlich, dass über die grundlegende Bedeutung der Belegschaft für den Firmenerfolg eigentlich schon alles gesagt ist. So gesehen ist das Humankapital auch weit mehr als nur der meist grösste Kostenposten in der Jahresrechnung – sollte man meinen.

Oftmals gilt: Hauptsache, die Kasse stimmt

Wenn man sich aber in der Unternehmenswelt umhört, so scheint diese Annahme in gewissen Firmen massiv verklärt. Hingegen lässt sich eine ungesunde Tendenz feststellen, indem die Balance zwischen «Human» und «Kapital» sich vor allem in grösseren Unternehmen offenbar zusehends in Richtung Kapital verlagert – auf Kosten des humanen Anteils. Man muss kein linksradikales oder gewerkschaftliches Gedankengut vertreten, um zur vereinfacht dargestellten Ansicht zu gelangen, es gehe vielmehr darum, aus dem menschlichen Kapital das grösstmögliche wirtschaftliche Kapital zu schlagen. Dabei soll nicht unerwähnt bleiben, dass es auf Arbeitgeberseite eine Vielzahl an löblichen Ausnahmen gibt, die um den Stellenwert ihrer Mitarbeitenden wissen und hierfür zu Recht prämiert werden, beispielsweise mit der Auszeichnung als «Great Place to Work».

Unter dem Gebot der steten Gewinnmaximierung – vor allem bei börsenkotierten Unternehmen –  zählen primär Zahlen: Quartalszahlen, Halbjahreszahlen und Jahreszahlen. Menschen werden je länger desto mehr Mittel zum Zweck kontinuierlich steigender Umsätze unter der Maxime des alles bestimmenden Shareholder Value. Dies mag alarmistisch klingen, scheint aber gemäss Schilderungen aus dem Arbeitsmarkt eine weitverbreitete Wahrheit zu sein. Daran ändern auch süffig getextete CEO-Botschaften an die Belegschaft und verführerisch klingende Aussagen zur Rekrutierung neuer Mitarbeitenden nichts. «Gut» alleine reicht offenbar schon längst nicht mehr, es gilt «immer noch besser» – gemäss dem an ein Extremsportcamp erinnernden Slogan eines Konzerns «fitter, faster, stronger» zur Steigerung des Teamgeists. Schlagzeilen wie «Gewinn und Ertrag ausgeweitet», «Dividende markant gesteigert» oder «sowohl der Umsatz wie der Gewinn haben sich gegenüber der Vorjahresperiode erhöht»…. schmecken süss wie Honig für nimmersatte Private-Equity- oder Hedge-Fonds-Gesellschaften, für Aktionäre, die Finanzpresse und natürlich die Unternehmensspitze. Die menschliche Gier bedient sich Superlativen als Ausdruck ihres unermesslichen Appetits nach stetigem Wachstum und Erfolg.

Die einseitige Fokussierung auf Profit schadet dem Humankapital

Dass für «what goes up» eines Tages möglicherweise auch wieder «must come down» gilt, wird dabei meist gekonnt ausser Acht gelassen. Im Zuge der sich jagenden Rekordzahlen bleiben die Mitarbeitenden, das menschliche Unternehmenskapital, nicht selten unbemerkt, ja wird sträflich vernachlässigt. Viel schlimmer noch: Die Steigerung der Gewinne findet zu oft auf dem Buckel der Belegschaft statt. Wie sonst könnten die ehrgeizig anvisierten Ziele erreicht werden? Die Produkte, Dienstleistungen und erzielten Margen alleine reichen hierfür in aller Regel nicht aus.

Wenn die Belegschaft stetig ausgedünnt wird, indem austretende Mitarbeitende nicht ersetzt werden, sondern ihre Arbeitslast ganz einfach und elegant auf die verbleibenden Schultern verteilt wird, ist dies ab einem gewissen Punkt inhuman, weil krankmachend und ausbeutend. Und ganz einfach eine plumpe Irreführung geneigter Analysten und Anleger innerhalb der ausgewiesenen Bilanz. Denn im Rausch verbreiteter – und nicht immer angezeigter –  Kostensenkungsprogramme zur Befriedigung von Investorenwünschen, werden Firmen regelmässig derart ausgeblutet, dass die guten Mitarbeiter den Hut nehmen und innerhalb der Belegschaft nur verdrossen übrig bleibt, wer anderswo keine berufliche Alternative hat.

Wird das Humankapital ausgepresst, zeigt sich das irgendwann in den Zahlen

Dies spricht dann auch nicht immer für die verbleibende Qualität des so geschundenen Humankapitals und wirkt sich über kurz oder lang direkt oder indirekt auf die Unternehmensresultate aus. Wenn der Erfolgsdruck innerhalb der Firma so gross wird, dass in einem erschreckenden Masse überforderte, gestresste und unkontrolliert agierende Manager ihren Druck nach unten weitergeben, so sind am Ende wiederum die Mitarbeitenden die Leidtragenden. Chefs, die ihre Unzulänglichkeiten – sprich Frust oder Überlastung – an ihren Mitarbeitenden auslassen, sind offenbar längst keine Ausnahmen mehr. Die Palette peinlicher Beispiele umfasst persönliche Charakterdefizite, fachliches Unvermögen oder fehlende Belastbarkeit. Nichts einfacher, als die nächsten Mitarbeiter gekonnt als Blitzableiter einzusetzen oder direkt Unterstellte als Ventil für überschüssigen Druck zu missbrauchen. Mitarbeitende als Spielbälle zwischen sich rivalisierenden Vorgesetzten oder als Feuerlöscher für sich verbreitende interne Brandherde sind weitere Beispiele unwürdigen Umgangs mit dem wertvollen Humankapital.

Die Kosten für krankgemachte und aussortierte Mitarbeitende tragen am Ende wir alle. Wenig erstaunlich gilt gemäss SECO «… in der Schweiz sind 1.1 Millionen Arbeitnehmende von arbeitsbezogenen Gesundheitsproblemen betroffen. So das Ergebnis einer Hochrechnung, die auf der Europäischen Erhebung über die Arbeitsbedingungen und Gesundheit Schweizer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer basiert. Eine vertiefte Analyse der für die Schweiz repräsentativen Daten zeigt, dass hohe physische, organisatorische und psychosoziale Belastungen am Arbeitsplatz Grund für arbeitsbezogene Gesundheitsprobleme sind.» Bleibt zu hoffen, dass sich die Lage auf dem Arbeitsplatz nicht erst dann beruhigt, wenn die verursachenden Unternehmen und verantwortungslosen Manager sich bewusst werden, was ihr Tun für unsere Gesundheitskosten und Sozialwerke bedeutet.

Auch wenn sich meine Zeilen den Vorwurf der Schwarzmalerei gefallen lassen müssen, so bin ich mir selbstverständlich bewusst, dass es unter den schwarzen Schafen der Arbeitgeber eine Mehrheit an positiven Beispielen gibt. Dies ist vor allem bei den inhabergeführten Firmen und KMU der Fall, die 70% der Schweizer Wirtschaft ausmachen und in der Regel einen sorgsameren, weil langfristig ausgerichteten Umgang mit ihren Mitarbeitenden pflegen.