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Er ist in aller Munde, der hoch geschätzte Wert unserer Mitmenschen – dass auf Mitarbeitende als höchstes Gut der Unternehmung gezählt wird, hat sich manch ein Unternehmen auf die Fahne geschrieben. In Firmenphilosophien steht, die Belegschaft sei ihr wichtigstes Potenzial für den Erfolg. Trotzdem beklagen viele Arbeitnehmende einen Mangel an Anerkennung durch ihre Vorgesetzten. Warum klaffen Selbst- und Fremdwahrnehmung in diesem essenziellen Bereich allzu oft auseinander?

Interesse am Mitmenschen zeigen

Führungskräfte sollten verstehen, wie sich denn die vielbesagte Wertschätzung denn eigentlich definiert. Eines ihrer wichtigsten Merkmale ist das echte Interesse am Mitmenschen. Dazu gehört, Fragen zu stellen und aufmerksam zuzuhören. Viel zu oft erfahren wir von Bekannten, dass sich im Geschäft nach zweiwöchiger Abwesenheit niemand erkundigt hatte, ob man schöne Ferien erlebt habe. Oder dass es schön wäre, wenn ein Vorgesetzter nachhakt, wie gut man bei einem wichtigen Projekt vorankommt. Bleiben Sie neugierig Ihren Mitarbeitenden gegenüber, denn unsere Persönlichkeit hat viele überraschende Facetten, die es zu entdecken gilt.

Die Bedeutung von Wertschätzung: Man schätzt den Wert eines Mitmenschen, eines Angestellten. Sie ist eine innere Grundhaltung anderen Menschen gegenüber und damit die Art, wie wir sie behandeln. Sie betrifft einen Menschen mit seinem ganzen Wesen. Im Gegensatz zum Lob ist Wertschätzung unabhängig von einer einzelnen Tat oder Leistung. Während die beiden Begriffe auch vom Sinn her nahe beieinanderliegen, sind sie nicht gleichzusetzen: Wertschätzung kann als Überbegriff verstanden werden und beinhaltet verschiedene Arten der Anerkennung. Im Gegensatz dazu wird Lob eher situationsbezogen ausgesprochen.

Qualität geht über Quantität

Wohl behaupten viele Führungskräfte, ihre Mitarbeitenden oft zu loben, doch offenbar kommen positiv gemeinte Feedbacks nicht automatisch immer in gewünschtem Masse beim Empfänger an. Der Grund für diese Diskrepanz liegt oft am falschen Ton oder am ungeeigneten Zeitpunkt, z.B. zwischen Tür und Angel. Abwertend wird ein Lob auch wahrgenommen, wenn es ironisch formuliert wird: «Das hast du für einmal gut hinbekommen». Damit Lob auch als solches ankommt, sollte es überdies konkret für eine fassbare Leistung formuliert werden, beispielsweise so: «Dass Sie dieses Projekt vor der gesetzten Zeitfrist fertiggestellt haben, ist beachtlich. Gratuliere!».

Ein weiterer Knackpunkt ist das fehlende Gespür eines Vorgesetzten für die Individualität seiner Mitarbeitenden: In welchem Rahmen kommt ein anerkennendes Wort bei einem Angestellten am besten an? Ist er eher introvertiert und ist ihm Lob vor versammelter Runde peinlich? Oder geniesst er gerade diese Öffentlichkeit? Im letzteren Fall ist auch das Risiko zu beachten, dass positives Feedback in einer ganzen Gruppe eventuell verpackt als Kritik an einem Kollegen verstanden werden kann.

Ein weiterer Grund für nicht wahrgenommenes Lob ist die häufige Kombination mit Kritik («Das war eine tolle Leistung, aber …»). Positive Kommentare werden auf diese Weise leider allzu oft abgewertet. Natürlich soll gerechtfertigtes kritisches Feedback nach bekanntem Sandwich-Modell konstruktiv angebracht werden (Lob – Kritik – Lob); trotzdem raten wir Führungspersonen, öfters uneingeschränkte Lobesworte zu finden.

Ebenso hat Anerkennung wenig Wert, wenn sie nach dem Giesskannenprinzip verteilt wird. Statt als Vorgesetzter seinem tollen Team pauschal Lob zu hudeln, sollten wertschätzende Worte eher einzelnen Mitarbeitenden gegenüber ausgesprochen werden – ausser bei einem Gruppeneffort.

Am wichtigsten jedoch ist die Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit, mit der ein Lob ausgesprochen wird. Interessanterweise durchschauen wir meist sofort, wenn ein Kompliment nur pro Forma daherkommt bzw. der Empfänger den Eindruck bekommt, sein Vorgesetzter hätte es wieder einmal an der Zeit gefunden, ihm etwas Positives zu sagen.

Die menschliche Sehnsucht nach Anerkennung

Das menschliche Bedürfnis nach Anerkennung ist universell. Wenn wir jemandem zuhören, ihm unsere Zeit und unser Interesse schenken, nehmen wir ihn wahr, erkennen ihn buchstäblich. Darum brauchen nicht nur Mitarbeitende, sondern auch Führungskräfte und Geschäftsführer Wertschätzung, um glücklich zu sein. Somit ist jeder Einzelne für eine wertschätzende Firmenkultur mit verantwortlich. Danken Sie einander für geleistete Unterstützung, einen Gefallen, Engagement, Flexibilität usw.

Der Effekt von Wertschätzung

Mitarbeitende, die Wertschätzung erfahren, sind nachweislich inspirierter und motivierter; sie fallen seltener aus gesundheitlichen Gründen aus – dies betrifft sowohl die physische als auch die psychische Gesundheit. Firmen mit motivierten Mitarbeitenden haben eine viel geringere Fluktuation, was die Produktivität massgeblich positiv beeinflusst.

Wertschätzung steigert somit das Wohlbefinden im Unternehmen und trägt wesentlich zu einem guten Arbeitsklima bei. Ausserdem werden bei angenehmer Atmosphäre eher Fehler zugelassen und die Mitarbeitenden fühlen sich nicht blockiert aus Angst vor Missgeschicken. Wertschätzung baut jedoch nicht nur Ängste ab, sie trägt auch dazu bei, dass Herausforderungen und Veränderungen offener aufgenommen werden. Weiter verbessert sie die Konzentration, ermutigt, stärkt Beziehungen und steigert die Leistungsfähigkeit.

Auf das Unternehmen haben diese Faktoren den Effekt, dass die Loyalität der Mitarbeitenden gefördert wird – was sich dank der höheren Produktivität langfristig positiv auf den Unternehmenserfolg auswirkt.

Kleine Gesten – grosse Wirkung

Jeder von uns hat täglich die Gelegenheit, seinen Mitmenschen wertschätzend entgegenzutreten – sei dies als Gast in einem Restaurant, indem wir der Kellnerin gegenüber unsere Freude über den aufmerksamen Service zum Ausdruck bringen, oder sogar einer fremden Person ein spontanes Kompliment aussprechen. Warum nicht als Geste einem Unternehmen ein Dankes-Mail schreiben, wenn wir besonders dienstleistungsorientiert betreut wurden? Solche Feedbacks werden meist der Belegschaft weitergeleitet und fördern somit sogar noch den Zusammenhalt im Team.

Wertschätzung gegenüber den Mitarbeitenden kann schon mit kleinen Gesten und Ritualen zum Ausdruck gebracht werden: Wer morgens persönlich begrüsst oder gefragt wird, ob es ihm nach einer Erkältung besser geht, fühlt sich wahrgenommen. Oder warum nicht einem Team-Mitglied ein Post-it mit den Worten «Viel Glück fürs Kundengespräch» an seinen Bildschirm heften oder ihm eine persönlich geschriebene Geburtstagskarte aufs Pult legen? So können wir alle dazu beitragen, eine Kultur zu schaffen, in der jeder sein Bestes gibt und sich wohl fühlt.

Kürzlich entdeckte ich im Eingangsbereich einer Bäckerei Fotos aller Mitarbeitenden, darunter stand jeweils das Eintrittsjahr sowie die Position der betreffenden Person. So lautete der Text unter der ältesten Mitarbeiterin z.B.: «Frau Meier ist seit 2008 unsere gute Fee». Ein wunderbares Beispiel, wie zum Ausdruck gebrachte Wertschätzung von Mitarbeitenden wirkt: Stolze Mitarbeitende strahlten Zufriedenheit und Zusammenhalt aus, scherzten miteinander, hatten offensichtlich Spass an ihrer Arbeit; ihre Chefin ging dabei mit gutem Beispiel voran. Und das an einem Sonntag…