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Obwohl wir es besser wissen sollten, sind «Hard Skills», wie Ausbildung und Fachwissen, noch immer unüberwindbare Eintrittshürden bei der Stellensuche. Für den langfristigen Erfolg sind jedoch mehrheitlich die «Soft Skills» entscheidend. Es ist Zeit für ein Umdenken.

Es ist bereits eine Weile her. Vor mir liegt ein Inserat für eine interessante Position bei einem noch spannenderen Unternehmen. Jedoch – Oh Schreck! – erfülle ich die Anforderungen punkto Aus- und Weiterbildung nicht. Kein absolviertes und mit Summa cum laude bestandenes Studium in Betriebswirtschaft. Keine Vertiefung in irgendeinem spezialisierten Spezialfach und keine vier Sprachen fliessend ohne Akzent. Ich gebe auf, bevor ich überhaupt angefangen habe.

Hard vs. Soft Skills

Die objektiv messbaren Fähigkeiten gehören zu unserem Leben wie das Einmaleins. Bereits im Kindergarten werden wir auf die Schule vorbereitet, um uns danach auf ein Gebiet zu spezialisieren, und somit für die Gesellschaft wertvoll zu sein. Unsere Ausbildung, unsere berufsspezifische Qualifikation, unser Fachwissen und unsere praktische Erfahrung sind gleichbedeutend mit unserer beruflichen DNA. Über sie werden wir in Schubladen gespeichert, sozial eingestuft und bewertet. Kein Wunder erhalten die Hard Skills eine solch starke Gewichtung.
Ganz anders die Soft Skills. Kaum jemand spricht öffentlich über die Teamfähigkeit des Herrn Professors. Und wissen wir, ob Frau Merkel eine konstruktive Fehlerkultur pflegt? Dabei sind es genau diese Kompetenzen – Persönlichkeit, Soziale Fähigkeit, Methodik und Emotionale Intelligenz (EQ) –, die für einen langfristigen und nachhaltigen Erfolg wichtig sind. Der EQ ist die Grundvoraussetzung, wie wir mit Gefühlen und Emotionen umgehen. Unser Selbstvertrauen bestimmt darüber, ob wir die Menschen in unserem Umfeld wertschätzend behandeln. Wie wir Probleme lösen, unsere Mitmenschen fördern, zuhören und reflektieren, all dies wird in dem Begriff Soft Skills zusammengefasst; auch unsere Motivation.

Unser Wunsch nach Messbarkeit

Das Soft verrät einiges über das Verhältnis der beiden Begriffe. Hier das Harte, Unbestechliche und Unverrückbare. Dort das Weiche, Undefinierbare und scheinbar Grenzenlose. Wie sollen äusserst individuelle Eigenschaften skaliert und gespeichert werden, in einer digitalen Welt, in welcher wir auf Effizienz und Messbarkeit getrimmt sind? Zahlreiche KPI versprechen uns in der heutigen Zeit den Unternehmenserfolg. Wirtschafts-Gurus sagen mit ihren Kristallkugeln den Erfolg voraus (und liegen oft falsch). Wir wollen die Wirklichkeit verstehen und meinen damit mit Hilfe von Zahlen und Statistiken unsere Welt zu veranschaulichen und damit greifbarer machen zu können. Wenn wir uns auf das klar Abgrenzbare, auf Schwarz und Weiss fokussieren, ist das Scheitern vorprogrammiert. Wer die Soft Skills messen will, muss den Mensch hinter den Fakten und Zahlen wahrnehmen, auf das Bauchgefühl, die Zwischentöne hören und eine andere (teilweise ebenfalls messbare und objektive) Wirklichkeit wahrnehmen. Dabei gilt es, Gefühle anzunehmen. Und deshalb ist die Wahrheit wohl viel simpler. Hard Skills sind weniger komplex und deshalb einfacher messbar.

 Keinen EQ zu haben kostet Geld

Was wir dabei nicht vergessen dürfen: Soft Skills sind für den Unternehmenserfolg mitentscheidend. Klar kann ein Unternehmen ohne Empathie, ohne soziale Fertigkeiten geführt werden. Schwieriger wird es ohne methodische Kompetenzen. Klar, ein gutes Verhältnis zu den Mitmenschen ist nicht zwingend und auch nicht per se ein Erfolgsgarant. Der «Durchschnitts-Mensch» möchte jedoch im (Berufs-)Alltag Wertschätzung und Zuneigung erfahren; gemeinsam mit dem Team lachen zu können, macht Hürden kleiner. Der Fisch stinkt bekanntlich vom Kopf. Die hohe Fluktuation ist vorprogrammiert, wütet ein cholerischer Chef am Ruder. Und das kostet richtig viel. Nicht nur Geld, nein. Zeit, Anstrengung, Teamaufbau, Diskussionen und im schlimmsten Fall die Existenz des Unternehmens. Nur allein deshalb sollten wir kurz innehalten und uns überlegen, ob wir bei der Rekrutierung in erster Linie den Menschen und nicht seine fachliche Qualifikation in den Vordergrund stellen. Bedenken Sie: Wen Sie zur Tür reinlassen, isst auch an Ihrem Tisch.

Bogenkarrieren und Quereinsteiger

Ein Quereinstieg macht Spass. Ich spreche da aus eigener Erfahrung. Etliche Male hat mein beruflicher Weg überraschende Wendungen genommen. Das fördert die Kreativität und gibt erst noch Abwechslung. Wer von aussen kommt, bringt neue und im besten Fall innovative und lukrative Impulse. Wenn wir alle Kandidaten wegstreichen, die nicht zu 90% den fachlichen Anforderungen genügen, verpassen wir Chancen. Wir verpassen Menschen, die motiviert sind, Grosses zu leisten. Und sind wir ehrlich: Der Spruch «Was Hänschen nicht lernt…» gilt sehr wohl für die Soft Skills, aber nicht für unsere fachlichen Fähigkeiten. Mit etwas Grips und gutem Wille ist fast jeder Beruf in einer gewissen Zeit erlernbar. Und ich spreche hier nicht von Chemie-Nobel-Preisträger*innen und Raketenbauern. Mein persönliches Plädoyer? Lasst uns die Augen für Potentiale öffnen. Für Persönlichkeiten, die wollen und können. Für Menschen wie du und ich.

Macht die Digitalisierung einen Teil des Lernens obsolet?

Hinzu kommt der Siegeszug der Digitalisierung. Was wir vor rund 20 Jahren nur mit mühsamem Lernen oder den Gang zur Bibliothek in Erfahrung bringen konnten, kennen wir heute in zehn Sekunden. Wissen wir aber auch auf die Schnelle, wie wir unsere Mitmenschen mit Respekt behandeln? Nein. Das muss gelernt sein und noch schlimmer, es braucht einen Rucksack von Kindsbeinen an, der uns befähigt, soft zu sein. Somit sollten wir in die Erziehung, sozialen Strukturen und in die Kreativität investieren – zumal Routine-Prozesse in naher Zukunft scheinbar abgelöst werden. Mein Versprechen? Wir alle werden profitieren und Spass haben.

Ihre persönliche Meinung interessiert uns. Was sind Ihre Gedanken zu Rekrutierungs-Strategien, Auswahl-Kriterien und zur Relevanz der Soft Skills?  Wir freuen uns über Ihren Kommentar.

Join the discussion 2 Comments

  • Gmür sagt:

    Guter Artikel!! – so ist aber leider die Realität.

    Die Soft Skills sind für ein erfolgreiches Unternehmen enorm wichtig – die Synergien, die hier entstehen, können unendlich sein. Ich wünschte mir, dass diese Faktoren mehr berücksichtigt werden. Leider erlebt man oft, dass es zu einer solcher «Skills» Prüfung der Kandidaten nicht kommt, da eben die Hard Skills «bewertender» und offensichtlicher sind. Sage nur – Mut zur Entscheidung – Umdenken! Schlussendlich muss die Zusammenarbeit passen und da sind Sozialkompetenzen einer von vielen Faktoren.

  • Bernie Tewlin sagt:

    Vielen Dank für Ihren Kommentar Herr Gmür. In der Tat können wir in der Realität noch mutiger und kreativer agieren. Wir von da professionals bleiben dran!

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