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Von «Stakeholdern» und «Go-gettern» – über den inflationären Gebrauch von Anglizismen

 

«HR Today» / von Sabine Biland-Weckherlin

Das Vokabular in Schweizer Mittel- und Grossunternehmen hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Früher bediente man sich in der Deutschschweiz in der Regel eines allgemeinverständlichen Wortschatzes aus dem deutschen Sprachraum und allen war meist klar, was gemeint ist.

Im Zuge der Globalisierung hat sich das geändert. In Grossunternehmen ist die offizielle Sprache meist die «Weltsprache» Englisch – respektive oft Denglisch. Definition: Deutsch mit zu vielen und grösstenteils überflüssigen oder vermeidbaren englischen Ausdrücken durchsetzt. Damit einher geht eine eklatante Verarmung der deutschen Sprache. Daran ändern auch Zwitterkreationen wie die «match-entscheidende» «Can-do-Haltung» nichts. Wir nutzen vermeintlich schicke Anleihen aus dem angloamerikanischen Sprachraum, ohne diese immer exakt zu verstehen. Oft ist weder der Absender noch der Empfänger der Botschaft Muttersprachler. Sind nicht beide absolut Englisch-sattelfest, ist die Kommunikation nicht immer eindeutig. Kommt dazu: Deutsch mag schwierig und oft umständlicher sein. Aber Deutsch erlaubt klare, eindeutige Umschreibungen. Während dem viele der gebräuchlichen englischen Ausdrücke unspezifisch und wenig aussagekräftig sind. Beispiele gefällig? «Roadshow», «Gamification» oder «Rollout». Gewisse Begriffe heissen sogar alles oder nichts – oder haben Sie etwa eine exakte Vorstellung, wie ein «Angular JS-Developer» seinen Berufsalltag verbringt oder womit ein «Manager Data Privacy Lawyer» exakt sein Geld verdient?

Als ich vor einigen Jahren als Personalberaterin einstieg – nach mehreren Jahren ausserhalb der Privatwirtschaft – kam ich mir wie ein ausserirdisches Wesen, sprich Alien, vor. Bei «USP» dachte ich an eine Versandfirma, bei unserem firmeneigenen Slogan «fit of chemistry» hatte ich anfänglich eine explosive Chemiestunde vor Augen und bei «tbd» hoffte ich auf eine erlösende Aufklärung hinter den drei nichtssagenden Buchstaben. Ich nehme an, dass es teilweise Vertretern der KMU-Zünfte, den «Blue-Collar-Workern» – was natürlich Arbeiter meint aber nicht halb so «sophisticated» klingt – und dem «Old Boys Network» weitgehend ähnlich ergeht. «By the way» oder, ganz einfach, übrigens: Selbst hervorragende Englischkenntnisse schützen keineswegs vor fatalen Missverständnissen, denn wer sich beispielsweise für das «Townhall Meeting» zum örtlichen Stadthaus begibt und dort womöglich den Bürgermeister erwartet, liegt ebenso falsch wie jener, der den «Owner» des «Meetings» gleichzeitig für den Besitzer des Unternehmens hält. Auch ist ein «Open Space » nicht immer eine Bürolandschaft, sondern gelegentlich auch ein Forum für Diskussionen.

Mehrere Jahre im «Business» haben mich mit dem «Learning» ausgestattet, dass «Jobhopping» von den Vertretern der «Human Resources» ungern gesehen wird und Kenntnisse der modernen «IT-Tools» ein «Must» sind. Und dass «Benefits» und «Incentives» wie die Möglichkeit eines «Sabbaticals» oder des «Homeoffice» zu einem «Preferred Employer Program» gehören. «Executive Assistants» hingegen haben keine Chance auf dem Markt, wenn sie nicht «out-of-the-box» denken, «multitaskingfähig» sind und sich als «Teamplayer» und «Sparring Partner» ihres Chefs erweisen. Und selbstverständlich über «Skills» wie «Know-how» auf «C-Level» verfügen.

Sie haben die vielen Beispiele satt und haben längst kapiert, worauf ich hinauswill? Das freut mich! Stimmen Sie mit mir überein, dass Anglizismen inflationär und oft unnötig verwendet werden, obwohl derselbe Begriff genauer in Deutsch ausgedrückt werden könnte? Wobei sich ganz nebenbei die Frage stellt, ob man diese Anglizismen in der deutschen Sprache gross oder klein und mit oder ohne Bindestrich schreibt?

Im Sinne von «back to the roots» ist dies einfach nur ein Aufruf dazu, sich im geschriebenen und gesprochenen Wort gelegentlich auf unseren eigenen Sprachenschatz zu besinnen. Es kostet zugegebenermassen etwas mehr Zeit, Sorgfalt und Mühe, die adäquate deutsche Übersetzung für einverleibte Anglizismen zu finden. So wäre beispielsweise ein «Footprint» wieder ein normaler Fussabdruck, das «Template» eine unspektakuläre Vorlage oder das «Kickoff» einfach nur der Projektstart. Zwischendurch mal eine gezielte sprachliche Anstrengung ist nicht nur ein Beitrag für unsere geistige Fitness, sondern gleichzeitig auch ein «Statement», sprich ein Zeichen, gegen die Verödung unserer Sprache und ein Appell für eine bewusstere Sprachkultur.